Vom Regen in die Traufe: Entscheider im (moralischen) Dilemma


 

  Wenn die eine Wahlmöglichkeit so unwillkommen, ja unmöglich erscheint wie die andere, wenn Alternative 1 moralisch so anrüchig daherkommt wie Alternative 2, wenn man wählen muss zwischen Pest und Cholera, aber auf jeden Fall wählen MUSS – ja, dann steckt man mitten drin: in einem Dilemma. Und als sei das nicht genug, ist ein solches Dilemma meist auch noch ein moralisches.

   

   Das hört sich ‚vertraut’ an: Ein Wirtschaftsunternehmen steckt tief in der Krise. Harte Schnitte könnten vielleicht alles retten. Es ist aber – natürlich - nicht von vornherein klar, welche Maßnahmen zum Erfolg führen und welche alles nur schlimmer machen. In dem einen Szenario müsste das berühmte Tafelsilber auf den Markt, Bestandteile des Unternehmens, die seine Identität ausmachen, dazu Patente und Produktionsanlagen. Im anderen Szenario kostet die Entscheidung vielen Mitarbeitern ihren Job, damit der Rest eine Chance hat. Wie entscheiden, wenn beides unannehmbar erscheint, aber ohne Entscheidung die Existenz des gesamten Unternehmens gefährdet ist?

 

   Besser natürlich, man geriete gar nicht erst in eine solche Situation hinein. Doch, leider, Dilemmata gehören zum Alltag für jeden von uns. Und für Politiker, Wirtschafts- und sonstige Führer natürlich insbesondere, erschwert noch dadurch, dass sie ihre Entscheidungsnöte auf mehr oder weniger großen Bühnen öffentlich machen müssen. Was tun? Was führt heraus aus dieser Zwickmühle?

 

    Oftmals ist eine Situation, die wir als auswegloses Dilemma empfinden, glücklicherweise nicht wirklich ausweglos. Das gilt immer dann, wenn es eben doch eine ‚gute’  Möglichkeit gibt, wir sie nur im Augenblick nicht sehen. Wenn ich also meine, in einem Dilemma zu stecken und nicht vor und nicht zurück zu können, dann hilft es, mich mit anderen zu beraten, die vielleicht noch nicht betriebsblind sind. Wenn aber auch das nicht heraushilft, dann spricht viel für ein echtes Dilemma,* in dem beide möglichen Entscheidungen mehr oder weniger auf das Gleiche hinauslaufen – Teufel oder Beelzebub, Regen oder Traufe.

 

  Ich bin dann gezwungen, Entscheidungen zu treffen, die ich schlicht nicht treffen möchte. Leider muss ich aber. Denn mich nicht zu entscheiden führt in solchen Fällen zu ganz ähnlichen Folgen. Und dann muss ich damit leben, die Entscheidung getroffen zu haben, mich NICHT zu entscheiden. Aus der Verantwortung hilft das genauso wenig heraus wie aus Schuldgefühlen oder Schuldzuweisungen.

 

  Wunderbar anzuschauen sind die dabei entstehenden Gewissensnöte und Denkfallen bei den mittlerweile weltberühmten Vorlesungen des Harvard-Professors Michael Sandel . „What’s the right thing to do?“ fragt er seine Studentinnen und Studenten – und präsentiert ihnen gleich in der ersten Vorlesung (zu sehen in voller Länge via YouTube) eine ganze Palette von Entscheidungssituationen, die niemand haben möchte. Besonders perfide ist der Fall von den Todkranken, die im Krankenhaus auf Ersatzorgane warten, während nebenan ein kerngesunder Mann zum Routinecheck kommt. Ein Leben gegen fünf? Wie würden Sie entscheiden? Ganz übel: Sandel gibt nicht die Antwort, was denn nun richtig wäre. Natürlich nicht. Es gibt kein ‚richtig’ oder ‚falsch’ in solchen Dilemmata. No way out. Was bleibt ist der Entscheidungszwang.

 

  Vielleicht sagen Sie: Das mit den Transplantationspatienten ist doch völlig lebensfremd. Solche Fragen muss sich doch niemand wirklich stellen. Da gibt es doch gar nichts zu entscheiden! Dann kommt Ihnen vielleicht folgendes Szenario bekannter vor? Terroristen entführen ein Verkehrsflugzeug mit ein paar Hundert Insassen und fliegen auf ein Stadion mit mehreren Tausend Menschen zu. Darf die Bundeswehr das Flugzeug abschießen, um Tausende Leben zu retten, zumal die Flugzeuginsassen bei dem Absturz vermutlich ohnehin ums Leben kämen?

 

  Angeboten wird dieses klassische 9/11-Scenario in einem aktuellen kleinen Quiz der Wochenzeitung DIE ZEIT (hier). Mit zehn Fragen soll dort jeder sein Ethik-Wissen testen können. Und als sei das eine Wissensfrage, die so und nur so beantwortet werden kann, werden für obigen Fall drei Alternativen werden geboten:

 

    - Es gilt immer, Gutes zu vermehren und Schlechtes zu verringern.

    - Menschenleben dürfen nicht gegeneinander aufgewogen werden.

    - Die Menge der Menschen zählt, im Stadion wie auch im Flieger.

 

Quelle: Tom Cheney/The NewYorker
Quelle: Tom Cheney/The NewYorker

  Haben Sie sich zu einer Antwort durchgerungen, folgt die Auflösung der ZEIT. Richtig gewesen wäre demnach ‚Menschenleben dürfen nicht gegeneinander aufgerechnet werden’. So habe das deutsche Recht entschieden. Dilemma gelöst also? Alles klar? Würde Michael Sandel sich damit zufrieden geben? Könnten wir uns damit zufrieden geben, wenn wir ernsthaft vor der Wahl stünden?


   Gehen wir die gebotenen Alternativen durch, immer vor dem Hintergrund: Wir müssten jetzt entscheiden, nicht irgendwer, nicht irgendwann – WIR und JETZT. Dann hilft Alternative 1 herzlich wenig, zu wolkig, zu vage. Was ist denn in diesem Fall ‚gut’ und was ‚schlecht’? Wie messe ich, dass das eine mehr und das andere weniger wird? Alternative 3 wirkt mindestens auf den ersten Blick reichlich herzlos und nur scheinbar präzise. Ist der Abschuss ok, wenn einfach nur ein Mensch mehr im Stadion sitzt als im Flieger? Müssen es doppelt so viele sein? Oder wird die Abschussentscheidung ethisch erst unproblematisch, wenn zehnmal so viele Menschen gerettet als aktiv getötet werden?


  Bleibt also Alternative 2 als einzige übrig? Als Aussage scheint sie mir unbestreitbar: Natürlich dürfen Menschenleben nicht gegeneinander aufgewogen werden. Aber hier könnte ich mit der Entscheidung, Hunderte zu töten Tausende retten. Schlimmeres könnte abgewendet werden. Schon kommen all die Fragen: Weiß ich das genau? Vielleicht handelt es sich überhaupt nur um einen Bluff? Vielleicht fliegt das Flugzeug ja am Stadion vorbei? Vielleicht geschieht ein Wunder?


  Vielleicht, vielleicht ... am Ende muss jemand entscheiden. Und was auch immer daraus folgt: Mit den Folgen seiner Entscheidung muss er dann leben. Trauer und Schuld kann man nicht entkommen, man kann sie nur verringern, stellte einst Albert Schweitzer fest. 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Charleen Stainbrook (Sonntag, 05 Februar 2017 04:47)


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