Klimaschonend töten? Der Drohnenkrieg und die Entwertung aller Werte

 


 

 

  

Von deutschem Boden sollte eigentlich kein Krieg mehr ausgehen. Aktuelle Medienberichte lassen den Schluss zu: Das war einmal. Längst ist Deutschland Schaltstelle eines weitgehend geheimen Kriegs der Drohnen geworden. Das gefährdet unser Wertesystem an seiner Basis.

   

   Es gibt Meldungen über technologische Fortschritte, da weiß man nicht recht, ob man lachen oder weinen soll. „Solar-Drohne: US-Entwicklung steht kurz vor der Produktion“ meldete jetzt der Newsletter GreenEconomy (hier). ‚Silent Falcon’ heißt das Gerät recht poetisch, und der Name ist sicherlich kein Zufall. Eine mögliche militärische Nutzung, verrät der Artikel, haben die Entwickler sicherlich billigend in Kauf genommen.

 

   ‚Silent Falcon’ fürs ‚silent killing’ - schwer, angesichts solcher Innovationen nicht zynisch zu werden. So werden also bald Drohnen-Typen auf dem Markt sein, die zum klimaschonenden Töten einladen. Natürlich könnten damit auch Amazon und DHL weitgehend emissionsfrei Buchpakete direkt vor die Haustür fliegen. Aber das ist dann lediglich ein Kollateralnutzen,  Ziel der Entwicklung ist es nicht.

 

   Einmal mehr könnte man sich bemüßigt fühlen, Heraklits wohl zweit-berühmtesten Satz zu zitieren: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge und der König aller.“ Vor mehr als zweitausend Jahren, so um 500 v.Chr., hatte Heraklit allerdings mitnichten mit seinem Ausspruch Werbung für den Krieg als Technologieschrittmacher Nr. 1 machen wollen – obwohl sein Satz oft genau in diesem Sinn zitiert wird. Da Heraklits Werk nur ausgesprochen fragmentarisch überliefert ist, lassen seine Sentenzen viel Spielraum für Interpretation. Aber sehr wahrscheinlich wollte er auf etwas hinweisen, was jeder kennt: Das Leben besteht aus polaren Gegensätzen wie Leben und Tod, Krankheit und Gesundheit, Tag und Nacht. Aus diesen Gegensätzen entwickeln sich immer wieder Konflikte und aus deren Klärung entsteht das Neue. Es hält uns in Gang, bringt uns nach vorn. Moderne Evolutionsbiologen könnten ergänzend darauf hinweisen, wie wichtig ein gewisses Maß von Aggressivität zum Überleben in feindlicher Umwelt ist. Ohne Kampf kein Mampf.

 

   Nun kann Aggression unvorstellbar eskalieren, nicht nur fern in Ruanda. Die beiden Weltkriege sind in unserem kollektiven Gedächtnis noch so lebendig, dass wir die Existenz kriegerischer Gewalt in unserer modernen Welt am liebsten völlig verdrängen würden. Aber, so schrieb der renommierte Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Körber in seinem sehr lesenswerten ZEIT-Essay über das Töten, „Gewalt gehört zur conditio humana, dies zu verleugnen ist lebensgefährlich.“

 

   Wenn also nun Gewalt zum Leben und Überleben gehört, müssen wir dann nicht mindestens alles tun, um sie so gut wie möglich im Zaum zu halten? Doch wie soll das gehen, wenn es keine festen Regeln (mehr) gibt? Regeln, die von allen geteilt und eingehalten werden und deren Verletzung sichtbar Folgen hat?

 

   Der Drohnenkrieg gehorcht aber keinen Regeln. Wir nennen ihn für gewöhnlich nicht einmal ‚Krieg’, weil wir gar nicht mitbekommen (sollen), dass er stattfindet. Drohnen können jeden überall und jederzeit ‚ treffen’. Es bedarf dafür keiner Kriegserklärung, es entstehen dabei keine Bilder marschierender Truppen für die Abendnachrichten, ja, der Einsatz von Drohnen scheint nicht einmal einer Rechtfertigung zu bedürfen. Legalität? Legitimität? Darum geht es scheint’s gar nicht. Und daraus entsteht die enorme Gefahr, dass ‚man’  sich daran gewöhnt. Drohneneinsätze sind so niedrigschwellig, dass das Risiko beherrschbar ist. Die zurückbleibende Hilflosigkeit, die unvermeidbaren unschuldigen Opfer, das Gefühl des Ausgeliefertseins etc. – wenn kümmert das? Und  so wird die Verletzung der Rechte souveräner Staaten und ihrer Bürger mittlerweile ebenso alltäglich wie ‚normal’.

 

Foto: Waugsberg/pixelio
Foto: Waugsberg/pixelio

  Vermutlich haben sich schon alle Seiten damit abgefunden. Jedenfalls geraten die Tötungen mit Drohnen eher selten in den Fokus. Dabei haben wir in Deutschland damit zu tun, ob wir wollen oder nicht. Deutschland ist ein wichtiges Zentrum des Drohnenkrieges. Aktuellen Recherchen von NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung zufolge werden Drohnenangriffe  „in Somalia ... vom US-Oberkommando Africom in Stuttgart befehligt.“ Und „der US-Stützpunkt in Ramstein (spielt) ... bei tödlichen Drohnenangriffen in Pakistan und Jemen eine zentrale Rolle.“ (hier)


  Seit den Tagen der alten Griechen sollten wir eigentlich weiter gekommen sein, als den Krieg und staatliches Morden hinzunehmen wie etwas, dass nun einmal zum Leben dazu gehört. Auch den Krieg immer noch umstandslos als "eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" (hier) zu begreifen, wie Carl von Clausewitz es im frühen 19. Jahrhunderts tat, könnte als letzter Stand der Erkenntnis überholt sein.


   Seien wir nicht naiv. Die Welt ist kein friedlicher Ort und Terroristen gleich welcher Couleur gehören verfolgt und bestraft. Unbestritten auch: Krieg begleitet die Menschheitsgeschichte seit ihren Anfängen und ist alles andere als ausgerottet. Wir in Mitteleuropa wissen glücklicherweise kaum noch, wie sich Krieg anfühlt.


  Wir sollten uns aber klar machen: Wir leben wie unter einer Käseglocke. Denn uns trennen immer nur wenige Flugstunden von Konflikten, die gerade in diesem Augenblick anderswo mit einer Brutalität ausgefochten werden, die Hollywood uns nicht härter ausmalen könnte. Aber einen geheimen, unerklärten, unlegitimierten und von demokratischen Institutionen unkontrollierten Krieg der Drohnen zu führen, dass ist nicht nur keine Lösung. Das untergräbt all die Werte, um die der Kampf angeblich geführt wird und ist daher brandgefährlich.

 

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