Was zu viel ist, ist zu viel? 'Game of Thrones' und die Serienmoral

 


 

Es scheint so etwas wie ‚common sense’ geworden zu sein, US-amerikanische Fernsehserien über den grünen Klee zu loben. Aber wie steht es mit der Moral? Was sehen wir da eigentlich? Welche Rollenmodelle werden uns vorgestellt? Was lernen wir daraus – über unsere Welt, über die Gesellschaften, in denen wir leben?

  

   Wer auf sich hält, sieht nicht mehr fern wie früher. ‚Man’ sieht komplette Serien. Der Druck bei denen, die Geld verdienen mit dem Serien-Hype, steigt mit dem Erfolg enorm. Immer Neues, immer Ausgefalleneres, immer Drastischeres will der Markt.

 

   Im Gefolge solcher Höhenkämme wie ‚House of Cards’, ‚Sopranos’ oder ‚Breaking Bad’ kommt daher auch immer mehr Mittelmäßiges bis Schlechtes auf den Markt. Dass die Logik manchmal auf der Strecke bleibt, ist zu verschmerzen. Dass vieles so neu nicht ist oder gleich als ‚Remake’  daherkommt – geschenkt. Aber wie steht es mit der Moral? Was sehen wir da eigentlich? Welche Rollenmodelle werden uns vorgestellt? Was lernen wir daraus – über unsere Welt, über die Gesellschaften, in denen wir leben? 

 

  Serienhelden wie Walter White, den es vom kreuzbraven Chemielehrer zum Profi-Drogenkoch treibt (‚Breaking Bad’) oder Nicholas Brody, der in Kriegsgefangenschaft und unter Folter vom Elitesoldaten zum Terroristen mutiert (‚Homeland’) sind nur besonders prominente Beispiele. Sie verbindet noch etwas: der mitlaufende Hinweis auf angeblich wahre Ereignisse dahinter, die als Anregung dienten. Die Handlungsweise des megaintriganten Kongress-Abgeordneten Francis „Frank“ Underwood (‚House of Cards’) wirkt noch merkwürdig dokumentarisch; man ist geneigt, dass schlicht für allzu real zu halten. Vom hochkultvierten Kannibalen Hannibal Lector (‚Hannibal’) wird das wohl niemand annehmen, schon gar nicht von Abziehbildern wie dem Spartacus der gleichnamigen Serie – um wiederum nur wenige Beispiele zu nennen.

 

  Aber eine Serie scheint es jetzt übertrieben zu haben. Zu viel ist zu viel, aber wirklich. Zwar wird überall intrigiert, verführt, gemordet und geschlachtet, aber es muss doch Grenzen geben. Oder? Sind da denn  noch Tabus, die gebrochen werden können? Es scheint fast so, wenn man sich die aktuelle Diskussion um den Megaerfolg ‚Game of Thrones’ anschaut. Im Juli 2012 bescheinigte Florian Balke in der FAZ dem Autor der zugrundeliegenden Buchreihe, George. R.R. Martin, seine Präsentation einer Welt von Machtgier, Hass und Rache sei überaus zeitgenössisch (hier). Nun hat sich der Ton drastisch gewandelt. Mit dem Erfolg der HBO-Fernsehserie „Game of Thrones“ hat Martins Riesenwerk die breite Öffentlichkeit erreicht. Damit veränderte sich der Blick, zunächst in den USA. In den deutschen Medien gab Jürgen Schmieder (SZ vom 5. Mai 2014, hier) unter der schönen Überschrift „Suff, Sex, Mord“ einen Einblick in die aktuelle Diskussion der US- und Online-Medien über zu viel Gewalt in der überaus erfolgreichen TV-Adaption.

 

   

   Kritisiert wird vor allem, Vergewaltigung, Inzest, Mord und fiese Intrigen seien allzu beiläufig, allzu normal dargestellt. Ja, hält dem George R. R. Martin entgegen, so ist das mit der menschlichen Natur und mit unserer Geschichte. Hat er nicht recht, wenn er in einem Interview mit der New York Times (2. Mai 2014, hier) sagt: „Vergewaltigung und sexuelle Gewalt waren Teil eines jeden Krieges, der jemals ausgefochten wurde, von den alten Sumerern bis in unsere Tage" und etwas später "Die wirklichen Schrecken der menschlichen Geschichte kommen doch nicht von Orks oder schwarzen Lords, sondern von uns selbst. Wir sind die Monster (und zugleich auch die Helden)“?


     Wer die Bücher aufmerksam liest und nicht nur ‚Stellen’ sucht, wo es so richtig zur Sache geht, der müsste eigentlich feststellen: Hier gibt es eben nicht einfach den oder die Gute, den oder die Böse. Fast wie im richtigen Leben: Die Schattierung menschlicher Charaktere ist das Interessante, das Wandern zwischen den Polen, die Fähigkeit zu Extremen, zur Ausmalung der Sixtinischen Kapelle und zur Planung des Holocaust. Die Literatur hat sei jeher gerade die Abgründe der Menschen ausgelotet. Shakespeares Königsdramen müssten den Vergleich mit Martin sicher nicht scheuen, wenn es um Drastik und Gewalt geht.


      Bleiben Fragen wie: Ist es nicht schlimm genug, was im Foltergefängnis Abu Guraibh, beim Völkermord in Ruanda oder im syrischen Bürgerkrieg gerade erst geschah oder noch geschieht? Muss so etwas auch noch als Stoff für populäre Fernsehserien herhalten, und sei es in einem fiktiven Mittelalter?


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